Kein Mensch mehr
»Die Unwertigen« erzählt die Geschichte von vier Heimkindern von der Nazizeit bis zur Gegenwart – bis Sonntag in Berlin und Potsdam auf Tournee
Von Sabine Lueken
Der sorgfältig gekleidete ältere Herr, der heute eine Jazzsendung beim NDR-Radio moderiert, erzählt von seiner Verhaftung: »Dann kriegte man Häftlingskleidung. Das war keine Kleidung, das waren Lumpen!« Günther Discher gehörte zu den »Swing Kids« in Hamburg. Die hörten Jazzmusik, kleideten sich wie amerikanische Orchesterleiter und trugen lange Haare – zumindest längere als Hitlerjungen.
1942 kam er mit 17 als »entartet« ins KZ Moringen, wo Kinder und Jugendliche ab acht Jahren arbeiten mußten: »Jetzt war man kein Mensch mehr.« Er schuftete zehn Stunden am Tag in einer Munitionsfabrik unter Tage. »Ein Leben im Ungewissen, man hatte den Tod vor Augen. Das sind Momente des totalen Verlorenseins.« Als Discher 1948 in Hamburg »Wiedergutmachung« beantragte, fand der zuständige Sachbearbeiter das KZ Moringen nicht in seiner Kartei.
Waltraud Richard bekam 1947 von der Evangelischen Gemeinde folgenden Spruch auf den Konfirmationsschein geschrieben: »Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf«. Das empfand sie als reinen Hohn, denn der »Herr« hat sie niemals aufgenommen. Ihre Mutter wurde von der Gestapo abgeholt und ins KZ gebracht, weil sie Gegnerin des NS-Regimes war und Patin für jüdische Kinder. Waltraud und ihre Geschwister wurden getrennt und in verschiedene Heime eingewiesen. Erst nach dem Krieg fanden sie sich wieder.
Auch Richard Sucker wurde seiner Mutter mit eineinhalb Jahren weggenommen, weil sie nicht mit seinem Vater verheiratet war. Er wurde in die sogenannte Fürsorgeerziehung gebracht. Ab dem fünften Lebensjahr war er im Waisenhaus in Breslau, mußte arbeiten und bekam täglich Prügel – aus Prinzip. Er wußte nicht, wer seine Mutter ist, die Sehnsucht nach ihr und einem richtigen Zuhause begleiten ihn bis heute.
Elfriede Rybak war auf dem Kalmenhof in Idstein, wo sie als Neunjährige erlebte, wie die Ärzte ab 1941 dort über 600 Kinder töteten. »Hab’ jetzt noch Angst ... ganz plötzlich kommt des.« Sie galt als minderbegabt, durfte nicht lesen und schreiben lernen und blieb bis 1970 als billige Arbeitskraft in der Psychiatrie – ein »Überbleibsel aus dem Dritten Reich«. Ihre eigenen drei Kinder wurden ihr gleich nach der Geburt weggenommen. Als ihr Sohn Heinz Schreyer im Alter von elf Jahren als schwer erziehbar aus einem anderen Heim auf den Kalmenhof kommt, hält es die Heimleitung nicht für nötig, das den beiden mitzuteilen. Sie sehen sich nur zufällig und können sich nur von weitem zuwinken. »Das war nicht wichtig für die«, sagt Schreyer, während er seine Mutter im Rollstuhl bei einem Besuch über das Heimgelände schiebt.
In dem Film »Die Unwertigen« erzählt Renate Günther-Greene die Geschichte dieser vier Protagonisten. Sie wurden von den Nazis für »unwert« befunden, ebenso nach 1945 in der Bundesrepublik. In den Heimen und Psychiatrien der Bundesrepublik hielt sich faschistisches Gedankengut besonders lange, sagt die Psychologin Gertrude Zovkic. Die Anstalten befanden sich quasi außerhalb der Gesellschaft, in ihnen lebten Menschen ohne Lobby, das Personal und die Ärzte hatten ihre Ausbildung während der Nazizeit gemacht und nichts dazugelernt. Zovkic erwirkte als junge Psychologin auf dem Kalmenhof die Freilassung von Elfriede Rybak. Der Film läuft bis zum Sonntag an verschiedenen Orten in Berlin und Potsdam, jeweils begleitet von einer Diskussion mit Richard Sucker im Anschluß und präsentiert vom »Arbeitskreis ›Marginalisierte‹«.
Renate Günther-Greene mischt sich nicht ein und wertet nicht. So entstanden sehr intensive und anrührende Porträts, die zeigen, wie die Kontinuität des Aussonderns bis in die Gegenwart reicht. Fotos und Dokumente der Täter ergänzen die Erzählungen. Man sieht eine Chronik aus Moringen, die das SS-Wachpersonal angefertigt hat. Fotounterschrift: »Unser liebes Werkhaus zu R-Z-O gehörend.« R-Z-O steht für Recht, Zucht und Ordnung.
Im November 2010 wird ein Petitionsausschuß des Bundestages über eine Entschädigung für die Betroffenen entscheiden. Richard Sucker vertritt dort deren Interessen. »Ich bin jetzt im Bundestag, unglaublich!« sagt er – und weint.
»Die Unwertigen«, Regie: Renate Günther-Greene, Deutschland 2009, 86 min, heute, 17 Uhr, KinoCineMotion, Wartenberger Str. 174, Berlin; 28.1., 16 Uhr, Kino in der Kulturfabrik Moabit, Lehrter Str. 35, Berlin; 29.1., 18 Uhr, Festsaal Kreuzberg, Skalitzer Str. 130, Berlin; 30.1., 19 Uhr, Kino »Toni« am Antonplatz, Max-Steincke-Str. 43, Berlin; 31.1., 18 Uhr, Studentisches Kulturzentrum, Hermann-Elflein-Str. 10, Potsdam
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